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naehterei tapfere schneiderlein

 

Ich habe mich immer gefragt, wie sieht es aus hinter den Kulissen bei denen, die Nähen nicht nur als Hobby haben, sondern es beruflich ausüben.

Wie kommt man dahin? Gibt es den einen Weg zum Ziel oder gibt es viele? Warum wählt jemand diesen Weg?

Irgendwann habe ich mir dann gedacht: Warum fragst du nicht einfach mal Schneiderinnen, Schnittmustererstellerinnen, Schnittdirektricen, Nählehrer... Die tapferen Schneiderlein eben, die sich mit viel Talent, Kreativität, Geschick und einer gehörigen Portion Optimismus aufmachen, der Nähwelt neues Futter zu liefern.

Komm mit auf eine Reise durch die Ateliers und Werkstätten und mach mit mir einen tiefen Einblick hinter die Kulissen...

Ich habe viele virtuelle Termine gemacht, führe nette Gespräche, lerne tolle Leute kennen.

 

Heute geht es los mit Martina Blasius vom Atelier Blasiusnaehterei martina blasius

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hallo Martina, schön dich hier virtuell zu treffen!


Das Vergnügen ist ganz meinerseits.


Wer bist du und was machst du?


Also Mein Name ist Martina Blasius. Ich bin Diplom Modedesignerin, seit über 30 Jahren selbständig. Ich habe 8 Semester an der FH Trier studiert. Wir konnten dort auch zusätzlich einen Gesellenbrief für Damenschneiderei machen. Hab ich gemacht, wenn das schon angeboten wird und ich bin ein Mensch, der auch gerne handwerklich arbeitet. Nur schöne Entwürfe Zeichnen war nie meins. Ich setze meine Ideen auch gerne praktisch um.

 

Was beinhaltet ein Modedesignstudium? Was lernt man da?

 

Entwurf, Schnitt-Technik, industrielle Fertigung, Kunstgeschichte, Kostümkunde, Kollektionsgestaltung. Das war so im Groben das Thema... Betriebswirtschaft kam auch noch etwas in's Spiel und Stoff-Kunde.


Sitzt man da auch selber an der Nähmaschine oder macht man nur Entwürfe?

 

Man muss beides machen. Anfänglich haben die Schneidermeister da bei der Erstellung der Schnitte geholfen, später sollte man das aber selbst können. Wir mussten immer mindestens ein Semestermodell anfertigen. Zusätzlich noch ein Industriemodell. Mich hat es immer besonders fasziniert, sich etwas auszudenken, es umzusetzen und später das eigene Werk zu sehen.

 

Das kann ich gut nachvollziehen!

 

Ein Industriemodell - was ist das?

 

Beim Industriemodell ging es darum, dass es für die Industrie umsetzbar und realisierbar ist, also Arbeitsgänge rationell und möglichst ohne Handarbeit.


Ein Industriemodell hat also keine Handsäume oder Wendeöffnungen, die mit der Hand zu genäht werden müssen. Ich glaube, ich muss auch mehr Industriemodelle nähen, das sind ja so die Sachen, die nicht wirklich Spaß machen am Nähen.


Genau! Ich hatte vorher bei einer Innungsmeisterin Praktikum gemacht und da war seeehr viel Handarbeit. Z. B. Futter komplett von Hand einnähen, Seide nicht mit der Maschine versäubert…

 

Puh.... also die richtig harte Schule!

 

Mathe war früher mein Lieblingsfach, besonders Geometrie, daher lag mir Schnitt-Technik besonders. Schade nur, dass zu der Zeit Computer noch in den Kinderschuhen steckte.

 

Bei der Schnitttechnik und -entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren echt gewaltig was getan. Kannst du das mittlerweile, Schnitte per Computer erstellen?

 

Ich arbeite nur noch mit dem Computer. Von Hand zeichnen war nicht meins... ich hatte nachher so viele Linien, dass ich kaum was erkannt habe und alle Schnitte aufheben war auch so ein Ding.... Ich benötige jetzt 50% weniger Platz. Ich habe allerdings kein spezielles Schnitt-Technik-Programm, sondern zeichne alles mit Inkscape und zeichne die Schnitte mit meinem Schneideplotter, den man mit Kugelschreibermine benutzen kann. Technik fasziniert mich ebenso... mein Traum wäre ein 3D-Drucker und ein Laser-Cutter. Ich liebe die Möglichkeiten, die einem die Technik gibt.

 

Apropos Traum... War Modedesign dein Traumberuf oder eher eine Verlegenheitslösung?

 

Also, es musste ganz unbedingt etwas Kreatives sein.

 

Warum?

 

Weil ich schon immer kreativ war mit malen, basteln und tüfteln. Meine Oma hat uns auch fast alle Kleider geschneidert, da war die Wahl dann naheliegend. Die meisten haben damals Jura oder BWL gewählt... nie im Leben für mich. Internet gab es noch nicht, also durch die Blätter zur Berufskunde gearbeitet und dort die FH Trier entdeckt und zum ersten Mal erfahren, dass man Modedesign studieren kann. Innenarchitektur war auch in der Überlegung... mit Maschinen und Holz zu arbeiten fand ich auch spannend.

 

Hat das Studium deine Erwartungen erfüllt? War es das was du dir erhofft hast?

 

Im Prinzip schon, wenn ich mir als "Mädel vom Land" ein wenig als Außenseiter vorkam... und ehrlich gesagt Schickimicki ist immer noch nicht mein Ding (besser für's Geschäft wäre es). Aber ansonsten habe ich es sehr geliebt.

 

Was ist dein Geschäft? Du bist seit 30 Jahren selbständig. Was machst du?

 

Anfangs wollte ich Kollektionen für große Größen freiberuflich machen.

 

Warum für große Größen? Du bist doch schlank.

 

Hehehe... ich trage Größe 52. Ich war noch nie schlank, 92 kg mit 18. Und zu der Zeit fing das gerade an, ein Thema für die Industrie zu werden und meine Diplomarbeit hatte das auch zum Thema.

 

Ok... also war das ein persönlicher Bedarf, den du auch bei anderen stillen wolltest.

 

Genau, da ich ja wusste, wo es hapert.
Es gab einfach nichts tragbares außer ganz altbackenen Oma-Kleidern.

 

Ja, da sind wir heute noch zum Teil, aber es wird besser. Daher boomen auch die Schnittmuster für große Größen, weil auch Frauen mit Format keine Lust haben, in Sack und Asche zu gehen.

 

Es gibt aber immer noch recht wenig, was meinen Geschmack trifft. Ulla Popken ist überhaupt nicht mein Fall. Viel zu sportlich. Und andere Sachen zu "ladylike". Ich mag es zwischendrin. Ich hoffe, ich kann da Fuß fassen, obwohl ich erstmal mit normalen Schnitten einsteige. Schnittmuster für große Größen sind extrem schwierig, da die Passform-Abweichungen sich potenzieren, je weiter es nach oben geht. Also die verschiedenen Grundtypen: viel Busen, schmale Hüften oder wenig Busen, breites Becken. Du kannst fast unmöglich eines für alle machen. Aber mein jetziges Modell will ich auch als spezielle Große-Größen-Version machen, wahrscheinlich sogar zwei Versionen.

 

Stimmt, je größer die Größe umso größer sind auch die Unterschiede in der Passform. Also sehr anspruchsvoll. Du fängst gerade an, digitalisierte Schnittmuster zu verkaufen. Deine ersten Schnittmuster sind in der Erprobungsphase.


Was hast du bisher gemacht? Hast du einen Laden, wo du deine eigenen Kollektion verkaufst.

 

Nein, ich fertige nach Auftrag. Hauptkunden sind Karnevalsvereine für Gardeuniformen, Schautanzkostüme, Prinzenpaare und Komiteejacken, Larp und Steampunk kommen auch mal vor... alles was etwas ausgefallen ist mag ich, aber auch Hochzeitskleider, Abschlussbälle und ähnliches.

Die Geiz-ist-geil-Mentalität macht es allerdings immer schwieriger davon zu leben, daher die Suche nach einem anderen Standbein.
Ich hatte die Woche in einer der Nähgruppen erst so ein typisches Erlebnis: eine Dame hat ein Bild eines Brautkleides gepostet und gefragt, wer ihr das nähen könnte. Ich hab drunter geschrieben, dass ich das könnte, aber andere „nette“ Gruppenmitglieder mochten die ja lieber darauf hinweisen, wo sie die viiiel billiger in China bestellen kann.

 

Puh.. das ist natürlich übel. Kommt aber immer wieder vor, sie möchten das Kleid von Lady Di zum Preis von einem Paar Strümpfen.

 

Ich sag immer... die Leute hätten gerne einen Porsche, aber bitte zu Smart-Preisen ^^ Es ärgert mich auch weniger, wenn einfach das Geld fehlt, aber wenn für jeden Mist Geld da ist und man dann meint, mich immer noch runterhandeln zu müssen… Das scheint auch bei EBooks der Trend... Hauptsache billig.

 

Ich wage aber zu behaupten, dass es da ein Umdenken gibt. Langsam, ganz langsam tut sich was und die Leute sind wieder bereit, für Qualität auch zu zahlen. Aber auch mir passiert es immer wieder, dass Kunden anfragen, was würde es denn kosten und sich nach dem Kostenvoranschlag einfach überhaupt nicht mehr melden. Kein: "Ist mir zu teuer!" Oder "Soviel will ich dafür nicht zahlen!" Nicht mal ein "Nein, danke“, was ja nun wirklich keinem weh tun würde...
Das ist jenseits allen höflichen Benehmens! Auch das gehört dazu, wenn man online kaufen und bestellen will. Auch im Internet kann man höflich sein und muss nicht seine Kinderstube vergessen.
Aber Qualität wird sich durchsetzen, davon bin ich fest überzeugt. Das Internet bietet nicht nur eine große Plattform der Vermarktung, es spricht sich auch rasend schnell rum, wenn etwas nichts taugt.


Du verkaufst Ebooks…Dein Label heißt dabei Tinalisa, ganz bald sind die ersten Schnitte schon auf Makerist erhältlich. Steckt eine Geschichte hinter dem Namen?

 

Tinalisa kommt daher, dass mich ein Bekannter mit Mona Lisa verglichen hat und seither Tinalisa nennt.


Tolle Idee!!! So was geht doch runter wie Öl, mit Mona Lisa verglichen werden… Ich finde, der Name Tinalisa trifft ziemlich genau deine Intention zwischen sportlich und elegant. Ist also perfekt.


Seit wann bist du im Nähzirkus unterwegs?
Dafür muss ich den Begriff Nähzirkus erklären: Das ist mein Begriff für alles rund ums Nähen, was online stattfindet: Blog, Facebookseiten, Gruppen, Foren, Ebooks...

 

Offen gestanden erst seit einem 3/4 Jahr, seit der Idee mit den Ebooks bin ich in verschiedenen Gruppen unterwegs, um meine Kunden und ihre Wünsche und Vorstellungen kennenzulernen. Ich hab mich hauptsächlich umgesehen und auch mal auf Fragen Hilfe geleistet.

 

Wie ist es dir ergangen? Was für Erfahrungen hast du gemacht, so online/virtuell? Als ich anfing, online nach allem rund ums Nähen zu schauen, hat es mich fast erschlagen...

 

Mich hat schon Einiges irritiert, die selbsternannten "Experten", die selbsternannten Designer und Schnittersteller auch und das Rumgenerve mit deren Werbung ebenso... Auch der Umgangston an manchen Stellen und selbstherrliche Admins. Ja... manche Ebooks sind schon auf den ersten Blick so schlecht, dass mich die Dreistigkeit schon nur noch verblüfft. Gott sei dank gibt es auch rühmliche Ausnahmen. Ich hoffe, dass sich der Markt mit der Zeit selbst sortiert, aber es scheint eine Art Goldgräberstimmung zu herrschen. Ich bin wirklich am überlegen, wie ich über meine Arbeit informieren kann ohne diesen Zirkus.

 

Die Bandbreite bei den Ebooks ist wirklich riesig. Manche machen das richtig gut, auch ohne es gelernt zu haben, andere sind einfach dreist und verlangen Geld für etwas, dass das Wort Ebook nicht wert ist. Viele wollen schnell Geld verdienen und wundern sich, dass es nicht klappt. Das braucht einfach Zeit, gerade im Bereich Kleidung geht nichts ohne einen vernünftig gradierten Schnitt und nach den Regeln der Schnittkunst zusammengesetzte Schnittteile.

 

Ja... ich konnte mir ein paar ansehen, die wirklich sehr gut aufgebaut waren und mir auch etwas Einblick verschafft haben, wie ich es angehe, denn selbst nähen ist was völlig anderes, als sich in den Kopf eines Laien zu versetzen. Ich hab jedenfalls in meine ersten Ebooks sehr viel Zeit (ich denke für "Jenny" waren es so 200 Stunden bisher...) das ist natürlich kein Maßstab für spätere.

 

200 Stunden?? Wie sieht dein Alltag aus? Was ist ein typischer Tag im Atelier Blasius?


Es gibt keinen wirklich typischen Tag in meinem Atelier... jeder ist anders und die Arbeit ebenso.
Ich wohne bei meiner Arbeit und da sind privat und Arbeit oft verwischt.

 

Ist es das, was du an deinem Job magst?

 

Ganz genau... ich hasse Routine. Mir kommt abends noch spontan eine Idee und dann kann ich einfach machen. Das schätze ich auch an meinem Heimatelier. Und Recherche und in den Gruppen surfen... ist das jetzt Arbeit, oder privat? Es zerfließt und das mag ich, denn meine Arbeit ist auch mein Hobby, oder Leidenschaft. Ich funktioniere auch nicht nach Stundenplan... klar, manchmal muss was zu einem Termin fertig sein. Mein Kopf lässt sich auch nicht abschalten, wenn er an Ideen brütet.

 

Eine Frage noch zum Schluss - so richtig hinter die Kulissen... Wann hast du das letzte Mal gekocht und was?

 

Ich hab mir vorhin ein Hähnchenbein gegrillt mit Salat und Kartoffeltaschen (Tiefkühl) ...zählt das als kochen?

 

Definitiv! Lecker!!

 

Oft greif ich schon auf Convenience Food zurück, aber ich versuch immer zwischendrin etwas selbst zu kochen... oft auch größere Portionen und einfrieren. Kommt auf die Zeit an, die ich habe.

 

Same here...

Das ist wohl bei vielen so.

Martina, vielen Dank für das Gespräch! Viel Erfolg für deine Ebooks.

 

Nachtrag: Die ersten Ebooks von Tinalisa, ein Shirt und ein Kleid mit vielen verschiedenen Ausschnitt- und Ärmellösungen und ein weitschwingender Bahnenrock stehen unmittelbar vor der Markteinführung. Die Variante für große Größen ist bereits in Arbeit. Martina hat ihr Ziel, Mode für große Größen zu machen, also beinahe erreicht. Herzlichen Glückwunsch!!

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  • Gast - Sylvia Müller

    Schön, dass auch eine Designerin erkennt, dass es auf dem Modemarkt noch viel zu tun gibt. Es ist wirklich schwierig ab einer bestimmten Konfektionsgröße und Alter speziell Kleider im Handel zu bekommen. Auch mit über sechzig möchte ich nicht in "Rentnerbeige" und sackartigen Kleidern herumlaufen. Auch bei fertigen Schnitten ist das so eine Sache, oben wenig, unten etwas mehr. Ich bin gespannt auf die Schnitte.

  • Ich durfte schonmal vorab einen Blick in die Ebooks werfen. Soviel kann ich verraten: unglaublich viele Möglichkeiten sind enthalten, auf eine gute Passform wurde bereits im Vorfeld sehr großes Augenmerk gelegt und die Anleitung ist gut bebildert und verständlich. Ich werde berichten, sobald die Schnitte online sind...

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Ja, der 5-Tage-Kurs war echt toll und ja, es waren wirklich viele Leute, wo es sehr u...
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ich habe ja dieses 5-Tage-Coaching auch verfolgt und mich an der einen oder anderen D...
Ich habe dafür die Kühltaschen aus dem Suoermarkt genommen und mit recht langem Stich zusammengenäht...
Gast - kallisto
Was für eine Kühlfolie hast du da genommen? Ist die Lunchbag dann damit waschbar?

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